Trudl Wohlfeil, Hamburg


veröffentlicht in: Quantität und Struktur. Festschrift für Kersten Krüger z. 60. Geburtstag. Hrg.von W. Buchholz u. S. Kroll
Universität Rostock, 1999



Brotdarstellungen in der spanischen Kunst der frühen Neuzeit

Das Standardwerk ‚Brotkultur‘ zeigt in vielen Abbildungen Getreide, Brot und seine Entste­hungsformen von den frühen Kultu­ren bis zu heutigen Brotherstellungsverfahren. Nur kurz gestreift wird das Thema ‚Brot in Spanien‘. Bildlich belegt ist es mit einer spanischen Mi­niatur der Hl. Elisa­beth aus dem 15. Jahrhundert1.

Auf Bildern spanischer Maler der frühen Neuzeit fand ich eine Fülle realistisch gemalter Brotsorten. An die Gemälde trat ich mit der Frage heran, ob sie Aussagen darüber vermitteln, wer sich mit den verschiedenen Brotarten ernährte. Die Studie kann aus der Vielzahl der bildlichen Zeugnisse des 17. und 18. Jahrhunderts nur eine kleine Auswahl bieten und zur weiteren Beschäftigung mit Bilddokumenten anregen.

Hervorragend geeignet sind die Brotdarstellungen von Francisco Zurbarán (1598-1664)2. Der Sohn eines Krämers malte mit asketischer Strenge und unübertroffenem Realismus. Auf dem Bild ‚Bruder Martin Vizcaino teilt Almosen aus‘3 sind Körbe voller Armenbrot darge­stellt, dessen ‚Kloster-Qualität‘ aber nicht ausreichend eingeschätzt und daher nicht mit nor­malem Bäckerbrot verglichen werden kann.

Auch sein Zeitgenosse Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) hat vor seiner Tätigkeit als Hofmaler Stilleben, Bodegones genannt, gemalt. Er zeichnet Men­schen in all­täglichen Szenen mit Brot4. Das ‚Frühstück‘ genannte Gemälde5 zeigt einfache Kost: Kleine Fische liegen im Keramikteller. Ein Glas Wein, zwei Granatäpfel und Brot müs­sen für drei Männer ausreichen. Mit dem Volumen der beiden Granatäpfel läßt sich der Um­fang und das Gewicht des Brotes ungefähr bestimmen: ein Brot von einer libra (460 g) wird vorge­stellt. Velázquez` 1642 in Madrid für die Ermita de los Jardines gemaltes Bild ‚Hl. Antonius und hl. Paulus, erster Einsiedler‘6 zeigt den brotbringenden Raben mit einem typi­schen Brot aus Madrid (pan candeal ?). Die rundliche Form mit einer Schnittstelle um die ‚Taille‘ hat Folgen in der Kunst.

Bei Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770)7 fällt auf dem Gemälde ‚Abraham und die drei En­gel‘8 ein Brot auf, das dem Brot auf dem Velázquez-Gemälde für die Ermita ähnlich sieht. In ihrem spontanen Ausruf vor dem Bild charakterisierte eine Amerikanerin die Form des Brotes als die eines ‚Hamburgers‘. Das Brot symbolisiert hier mehr als die Brotform mit dem Ge­wicht einer libra.

In der Tradition Zurbaráns, zumindest was die Darstellung von Brot und Brottypen betrifft, steht Luis Eugenio Meléndez (1716-1780). Er war ein gefragter Miniaturist, Stilleben­maler und Porträtist am spanischen Hofe Philipps V., Ferdinands VI. und Karls III. Mit gro­ßer De­tailfreude und Genauigkeit hielt er in seinen Bodegones die schönen und nützlichen Dinge des häuslichen Alltags zum Greifen nahe fest. Vor allem interessierten ihn Lebens­mittel und die Früchte, die unter der Sonne Spaniens reiften9. Er stellt das Brot dar, das sich gehobene Schichten leisten konnten, zu denen er zählte. Die ge­malte Vielfalt von Brot auf einfa­chen und behäbigen Holztischen läßt vermuten, daß der Maler die meisten Brotsorten seiner Zeit kannte. Ein pan grande ist auf dem Stilleben mit Holzbirnen, einem Krug, einer Flasche und einer irdenen Napfkuchenform zu sehen (s. Abbildung)10.

Mariano S. Maella. (1739-1819) war Zeitgenosse von Meléndez. Sein Bild ‚Winter‘ zeigt ein altes Ehepaar am Feuer.11 Auf einem runden Holztisch mit weißem, gefransten Tuch liegt neben einer halb gefüllten Weinflasche, einem Glas und einer Keramikschüssel ein halbes angeschnittenes Brot. Es handelt sich offenbar um eine Hälfte des pan grande, das in ver­schiedenen Formen auf den Markt kam.

Von Antonio Carnicero (1748-1801) stammt das Gemälde ‚Der Aufstieg der Montgolfiere in Madrid‘12. Erst 1796 Hofmaler, porträtierte er schon 1784 die Madrider geho­bene Gesell­schaft bei dem außergewöhnlichen Ereignis in festlicher Kleidung. Darunter mischte er auch einfache Leute, die den geladenen Gästen zu Diensten waren. Am linken un­teren Rande des großen Bildes fällt eine junge Brotverkäuferin in Volkstracht auf, die auf einem Holztisch mit ge­streiftem Tuch Brote feilbietet. Vor ihren restlichen sechs Broten liegen klei­nere Gebäck­stücke. Am Boden finden sich neben einem verdeckten Brotkorb weitere Brote. Die längli­chen Brote nannten die zeitgenössischen Bäcker pane­cillos de media libra.

Francisco de Goya y Lucientes, Hofmaler, (1746-1828) hat in einigen seiner volksnahen Ge­mälde und Kartons Brot dargestellt. Im Bild ‚Der Trinker‘13 begnügt sich der einfach geklei­dete Jüngling mit Zwiebeln (cebolletas), Wasser und einem halben Brot von etwa einer libra Gewicht. Er ernährt sich vom pan de pobres, dem Armenbrot, qualitätsbezogen pan de mo­renas genannt. - Auf dem Teppichkarton ‚Das Vesperbrot‘14 hat Goya Jüng­linge beim Pick­nick gemalt. Sie genießen, auf weißem Tuch sitzend, Wein, Geflügel und Brezeln und haben noch zwei Scheiben geschnitte­nen Brotes übrig gelassen. Schon die mit­gebrachten Zinnteller und Messinggeräte verraten, daß sich zu Karls III. Zeit nur ‚betuchte“ Leute Kleingebäck und Brezeln leisten konn­ten. Die dargestellte bessere Gesellschaft ließ sogar noch Reste von Brot liegen.

Die Bildbefragung nach Brot im Spanien der frühen Neuzeit ergibt Antworten über verschie­dene Brotarten, die zum Teil heute noch in Spanien täglich verkauft werden. Die aus­ge­wähl­ten Bilder lassen über die Brotformen der Zeit durch ihre Einbindung und die Gegen­überstel­lung mit bekannten realen Gegenständen Rückschlüsse auf Größe und Gewicht zu. Sie sagen aber nichts Eindeu­tiges über die benutzten Mehlqualitäten und Preiskategorien aus. Ob den Malern nur Brotsorten aus Weizenmehl bester Qualität (pan de flor de harina) vorgelegen haben, läßt sich schlecht feststellen. Sicher ist, daß die feineren Brotsorten wie das pan rega­lado de lujo, die panecillos de media libra, die roscas (Kranzkuchen, Brezel), ros­quillas (Brezel, Kringel) und bizcochos (hier Biskuit bzw. Zuckerbrot) nicht oder nie auf dem tägli­chen Spei­seplan der Unterschichten standen. Weitere Forschungsmöglichkeiten bietet die zeitgenössische spanische Literatur und Volksliedgut.

1H. EISELEN (Hg.), Brotkultur, Köln 1995, Abb. S. 126: Die Hl. Isabella als Temperantia und Spenderin von Brot, Pergament, 46x43,4 cm, 1. Hälfte 15. Jahrhundert.

2J. VAQUERO , Art. Zurbarán, in: KINDLER MALEREI LEXIKON, Bd. 5, 1968, S. 843-850.

3Kloster Guadalupe, Leinwand, 286x207 cm. - S. auch Museo Provincial de Bellas Artes, Sevilla: ‚Refektorium der Kartäusermönche‘, Leinwand, 262x317 cm, um 1633, Abb. in: KINDLER LEXIKON, Bd. 5, S. 848. - Musée Grenoble: ‚Anbetung der Hirten‘, Leinwand, 261x175cm, 1638, Abb. in: KINDLER LEXIKON, Bd. 5, S. 849, und die Darstellung des Aser, Leinwand, 198x102 cm, um 1639. Abb. in: The Lord Bishop of Durham and the Church Commissioners for England, Auckland Castle, Condado de Durham: Las doze tribus de Israel, o.O., o. J., S. 40, Fig. 44.

4Beispielhaft Museum Budapest: ‚El almuerzo‘ (= ‚Das Frühstück‘), Abb. in: VARIA VELÁZQUEÑA, Bd. 2, Madrid 1960, Bild 1. – Berlin, Gemäldegalerie. Gesamtverzeichnis der Gemälde, Berlin 1986, S. 76, mit Abb. S. 513: ‚Los músicos‘ (= Die drei Musikanten), 88x111cm, um 1616-1620; Abb. auch in: Katalog VELÁZQUEZ (=Katalog Museo del Prado), Madrid 1990, S. 26, und in: VARIA, Bild 5a u. 5b. - Metropolitan Museum of Art, New York: ‚La cena de Emaús‘ (= Das Mahl in Emmaus), Abb. in Katalog. VELÁZQUEZ, Madrid 1990, S. 30.

5St. Petersburg Ermitage: ‚El almuerzo‘ (= Das Frühstück), Abb. in Kat, VELÁZQUEZ (wie Anm. 4), S.100.

6Museo del Prado, Madrid: ‚San Antonio Abad y San Pablo, primer ermitaño‘, Leinwand, 257x188cm, um 1634, Abb. in: VELÁZQUEZ.(wie Anm. 4), S. 285 mit S. 287.

7Kö­nig Karl III lud 1761 den berühmten venezianischen Meister ein. Er blieb bis zu seinem Tode in Madrid.

8MUSEO DEL PRADO, Catálogo de los cuadros, Madrid 1952, S. 645, Nr. 2464: ‚Abraham y los ángeles‘, (= Abraham und die Engel), Leinwand, 197x151 cm.

9Zu nennen sind z. B. die Ölbilder im Museo del Prado, Madrid, hier: CATÁLOLO (wie Anm. 9), Nr. 924: Bodegón: Ciruelas, brevas, pan‘ (Bildinhalt: Pflaumen, eine Feigenart, Fischfäßchen, Soßenschüssel, Krug, Satz Teller und ein Brot), Leinwand, 34x47. - Nr. 937: ‚Bodegón: Plato de higos y granadas‘ ( Bildinhalt: Tel­ler (Zinn!) mit Feigen und Granatäpfeln, auf Holztisch ein Doppel-Brot auf Serviette, Messer, Karaffe mit Wein und Glas.), Leinwand, 35x49 cm, - Kat. Nr. 906: ‚Bodegón: Caja de dulce‘ (Bildinhalt: Schachtel mit Süßig­keiten, Brot in Form eines Kranzes = rosca, Fruchtschale, Glas und Kühlgefäß mit Flasche, Gabel und Schalen bzw. Teller aus Zinn oder Silber), Leinwand, 48x36 cm, 1770. - Kat. Nr. 907: ‚Bodegón: Pescados, cebolletas y pan ( Bildinhalt: Fische, Brot, Zwiebeln und Gefäße, Brot), Leinwand, 50x36 cm. - Kat. Nr. 932: ‚Bodegón: Cantarilla y pan‘ (Bildinhalt: Brot, Krug, Korb, daneben zwei Äpfel, der Korb bedeckt mit wei­ßem Tuch), Leinwand, 48x34 cm. - Kat. Nr. 929: ‚Bodegón: Servicio de chocolate‘ (Bildinhalt: Schokoladenge­fäß aus Kupfer, Porzellantasse für Schokolade, Gebäck, dabei auch ein besonders geformtes Brot – regalado de lujo? - auf Porzellanteller, Holztisch), Leinwand, 48x36 cm, 1770. – Kat. Nr. 915: ‚Bodegón: Sandía, pan, ros­cas‘ (Bildinhalt: Wassermelone, Brot, Brezel). – Kat. Nr. 934: ‚Bodegón: Jamón, huevos, pan‘ (Bildinhalt: Schinken, Eier, Brot), Leinwand, 48x35cm. - Melendez malte neben schlichten und edlen oft auch außergewöhnliche Gefäße in seine Bodegones.

10CATÁLOGO (wie Anm. 9), S. 385, Nr. 912: ‚Bodegon: Peritas, pan, jarro, frasco y tartera, Leinwand, 47x34 cm, 1760.

11CATÁLOGO (wie Anm. 9), S. 368, Nr. 2500: ‚Las estaciones: El invierno‘, Leinwand, 143x83 cm.

12CATÁLOGO (wie Anm. 9), S. 117, Nr. 641: Ascensión de un globo Montgolfier en Madrid‘, Leinwand, 170x284 cm, 1783 (?).

13CATÁLOGO (wie Anm. 9), S. 262, Nr. 772: ‚El bebedor‘, Leinwand, 107x151 cm, um 1777.

14CATÁLOGO (wie Anm. 9), S. 261, Nr. 768: ‚La merienda a orillas del Manzanares‘, Leinwand, 272x295 cm, um 1776.



Luis Eugenio Meléndez (1716-1780), Stilleben mit Brotdarstellung

Luis Eugenio Meléndez (1716-1780)



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